Ermutigungsbrief von Landesbischof Tobias Bilz
vom 1. Februar 2021


Foto: Franziska Kestel
 

Liebe Schwestern und Brüder,

bereits wenige Wochen nach meinem Weihnachtsbrief möchte ich Ihnen erneut schreiben. Meine Zeilen richten sich an alle Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen unserer Landeskirche sowie den ihr verbundenen Werken und Diensten. Mit Matthäus 11, 28 ff. (BasisBibel) möchte ich Sie für die kommenden Wochen und Monate ermutigen:

Jesus Christus spricht: „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken. Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann werden eure Seelen Ruhe finden. Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“

In ersten Begegnungen im neuen Jahr fällt mir auf, dass trotz einiger Tage der Erholung viele aus den Weihnachtsfeiertagen müde herausgekommen sind. Bis zuletzt waren wir darauf fokussiert, das Christfest unter den gegebenen Umständen zu einem wirklichen Fest werden zu lassen. Wir haben uns die notwendigen Entscheidungen nicht leicht gemacht und mit großer Hingabe Weihnachten vorbereitet und gestaltet. Vielfältige Berichte aus unseren Gemeinden, aber auch aus Häusern und Familien erreichen mich. Sie zeugen davon, dass Gott uns in dieser Zeit besonders nahegekommen ist. Auch 2020 hat sich erfüllt, was Kaspar Friedrich Nachtenhöfer 1684 in „Dies ist die Nacht, da mir erschienen“ so formuliert hat: „Drum Jesu, schöne Weihnachtssonne, bestrahle mich mit deiner Gunst; dein Licht sei meine Weihnachtswonne und lehre mich die Weihnachtskunst, wie ich im Lichte wandeln soll und sei des Weihnachtsglanzes voll.“ Ja, auf diesem Weihnachtsfest hat trotz aller Schwierigkeiten und Anstrengungen ein besonderer Glanz gelegen.

Wie kommt es dann, dass bei vielen von uns der Weihnachtsglanz so schnell wieder verblasst ist? Gewiss hat es etwas damit zu tun, dass unsere Probleme nach Weihnachten nicht verschwunden sind, im Gegenteil. Es fällt schwer, die Lasten unter den gegebenen und neuen Einschränkungen erneut zu schultern und für unbestimmte Zeit zu tragen. Dabei haben wir als kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusätzlich damit zu kämpfen, dass wir aus tiefer innerer Überzeugung heraus handeln. Unser Einsatz folgt nicht in erster Linie der Pflicht, sondern einem Herzensanliegen. Deshalb muss es uns erschüttern, wenn wir jetzt nicht wie gewohnt aktiv sein können.

Dazu kommt, dass sowohl das geistliche Leben als auch der Dienst am Menschen seinem Wesen nach ein Beziehungsgeschehen ist. Dessen Vollzüge aber werden gerade schwer gestört.

Schließlich plagen uns Sorgen um die Zukunft: Wird unser Dienst dauerhaft geschädigt bleiben? Müssen wir damit rechnen, dass sich der Relevanzverlust des Glaubens für das Leben der Menschen noch beschleunigt? Wie fangen wir finanzielle Verluste auf? Werden wir uns als Kirche in der Not als hilfreich erwiesen haben?

Das alles und vieles mehr führt dazu, dass wir uns abmühen und belastet sind. Wir wissen zwar, dass sich in der aktuellen Situation auch Chancen für Neues oder Alternatives ergeben. Oftmals aber fehlen Kraft und Kreativität dafür. Wir sind wie Trauernde, denen noch der neue Lebensmut fehlt.

Wenn das so ist, gilt uns die besondere Aufforderung, damit zu Jesus Christus zu kommen, um bei ihm Ruhe zu finden. Dafür gibt es vielfältige Möglichkeiten. „Leidet jemand unter euch, der bete!“ (Jakobus 5, 13). Ich bin der Meinung, dass die Corona-Pandemie uns dazu auffordert, uns auf die Quellen unseres geistlichen Lebens zu besinnen und sie zu nutzen. Dazu gehört natürlich das Gebet aber auch die Bibellese und verschiedene Formen der persönlichen Andacht. Inspirierende Literatur, Zeiten des Schweigens und der bewussten Passivität sowie Einzelgespräche können genauso zu Kraftquellen werden, wie das Musizieren „nur für mich selbst“ oder die Zwiesprache mit Gott auf dem täglichen Weg. Wichtig scheint mir zu sein, dass es sich dabei nicht um eine zusätzliche Anstrengung handelt, sondern um einen Vollzug, der zum Frieden mit Gott und mit der Situation führt. Gewiss, die unterstützende Gemeinschaft ist jetzt auf wenige Personen reduziert. Persönliche Freundschaften aber können sich intensivieren, wenn wir in ihnen Freude und Leid teilen sowie miteinander beten. Ich ermutige ausdrücklich zu kleinen gottesdienstlichen Formaten. Sie sind wichtige geistliche Anker, wenn alles infrage gestellt ist. Dafür und für vielfältige andere Wege zu den Quellen brauchen wir Zeit. Manche Wege müssen neu angelegt werden, andere gilt es wieder freizulegen. Das Ziel ist, dass wir vom Wasser des Lebens trinken und neue Kraft gewinnen.

Wenn das geschieht, können wir uns auch neu den aktuellen Herausforderungen stellen. Es gilt ein Joch zu tragen. Es ist das, welches uns Jesus Christus gibt und uns bittet es anzunehmen. Ein Joch ist in der Argumentation des Jesus-Wortes keine Last, sondern ein Hilfsmittel, um etwas zum Guten zu bewegen. Ich stelle mir diese spezielle Holzstange vor, die auf dem Nacken ruhend eine Tragehilfe ist. Links und rechts können Lasten oder Gefäße angehängt werden. Vielleicht Wasserbehälter? Wenn wir diesen Gedanken verfolgen, wird uns bewusst, dass wir mit dem, was uns selbst erfrischt hat, anderen dienen können. Das Joch wird uns als Hilfe gereicht, wir selbst bestimmen mit, was wir für andere tragen wollen. Es gilt den Trost weiterzugeben, den man selbst empfangen hat (2. Korinther 1, 4).

Im Moment ist weniger die Zeit von Veranstaltungen und Projekten, sondern die der gegenseitigen Bestärkung. Ich unterstütze es besonders, wenn viele von Ihnen jetzt Ausschau nach denen halten, die konkrete Zuwendung brauchen und ihnen mit dem helfen, was sie zur Verfügung haben. Manchmal wird das im Rahmen unseres gewohnten Dienstes oder Engagements möglich sein, andermal werden wir neue Wege zu beschreiten haben. Das wird davon abhängen, welche Not uns begegnet und welche Möglichkeiten sich auftun. Sinn und Ziel unseres Einsatzes ist es, anderen in diesen Durchhaltewochen zur Seite zu stehen. Das Wasser des Lebens soll auf vielfältige Weise gereicht werden.

Liebe Schwestern und Brüder, während ich diese Zeilen schreibe, habe ich unterschiedlichste Menschen vor Augen. Manche, die ich kenne und andere von denen ich gehört habe. Ich sehe sie in vielfältigen Herausforderungen: bei der Organisation alternativen Gemeindelebens genauso wie auf den Friedhöfen, bei der Arbeit in unseren diakonischen Einrichtungen wie bei der Produktion von Online-Angeboten, in der Seelsorge und beim Schreiben von Briefen. Mein Herz ist bei den engagierten Jugendlichen, die jetzt ausgebremst werden und bei den Sängerinnen und Sängern, deren Stimmen jetzt schweigen. Ich spüre die Ungeduld derer, die (neu) in unseren Gremien aktiv werden wollen und doch nur sehr eingeschränkt beginnen können. Mir begegnet auch der Ärger mancher, die sich ein völlig anderes Krisenmanagement wünschen. Sie alle wollen etwas bewirken und stoßen doch an Grenzen.

Nach meinem Eindruck gibt es bei aller Unterschiedlichkeit der Belastung eine Anfechtung, mit der viele von uns zu kämpfen haben, die der Niedergeschlagenheit. In der frühen Christenheit wurde sie Acedia genannt, die zur Untätigkeit gekommene Energie. Den der Acedia verfallenen Men-schen fehlt die Kraft, die Vergeblichkeit ihrer Situation zu verarbeiten und der Schwung, sich dar-aus zu erheben. Es ist eine beschwerende Traurigkeit, die den Geist des Menschen so nieder-drückt, dass er die Lust verliert, irgendetwas zu unternehmen. Der sich daraus ergebende Klein-mut unterschätzt die eigenen Möglichkeiten.

Dem gilt es zu widerstehen, mit Mut und Geduld, Beharrlichkeit und Achtsamkeit. Lasst uns gut und groß von unserem Tun denken! Ein Straffen unter dem Joch ist notwendig, damit wir wieder zuversichtlich und aufrecht tragen, was die Not anderer lindern wird. Dabei helfen besonders das aufrichtende Wort und die tatkräftige Hilfe derer, die mit uns auf dem Weg sind. Unser Zusammen-halt ist jetzt besonders wichtig!

Schließlich gibt uns auch die Gewissheit Kraft, dass jeder Anfechtung eine Grenze gesetzt ist, durch den, der sie zugelassen hat. Mit Gottes Hilfe werden wir neue Perspektiven gewinnen.

So bete ich dafür, dass Sie der Einladung von Jesus Christus folgen und ablegen können, was Sie beschwert. Ich wünsche Ihnen Zeiten der Ruhe und Erfahrungen der Erfrischung. Zugleich bestärke ich Sie darin, die Ihnen zur Verfügung stehenden Mittel mutig einzusetzen, um für andere da zu sein. Gott segne Ihr Tun und Lassen!

Von Herzen verbunden

Ihr
Tobias Bilz
Landesbischof

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